Die erste bayerisch - westfälische Mt. Logan Expedition 2000
oder
Ein wunderbares großes Abenteuer

Als Gerold, mein alter Kinley-Kamerad, abends im November aus Bayern anrief, da dachte ich an nichts besonderes, sondern freute mich nur auf ein Gespräch über das tägliche Allerlei, die Berge, und die Expeditionszeiten; so ganz nebenbei fragte er mich dann, ob ich wohl Interesse am Mt. Logan hätte; Mt. Logan - der höchste Berg Kanadas - Gerold hatte mal von dieser "gewaltigsten Skitour auf der Welt" erzählt, aber immer nur so nebenbei und was mich anging, ich war gerade erst im Frühjahr zum zweiten Mal am Mt. McKinley in Alaska gewesen; schon wieder eine Expedition - klar, Interesse an so etwas habe ich immer, aber alles andere muß auch passen und - hast Du jemanden der mitgeht, denn aus Sicherheitsgründen sollten wir mindestens zu viert sein!? Nein, Du bist der Erste, den ich frage - weißt Du denn noch jemanden und er sollte vielleicht auch schon mal ein bißchen Expedition gemacht haben, denn das Ganze ist ja kein Spaziergang mit anschließendem Picknick - nein, ich weiß auch niemanden. Aber die Idee war da, der Virus gesetzt und ich infiziert.

Mich interessieren nur die Bilder!
Mount Logan
Höhe 5959 m
Lage Kluane Nationalpark, Kanada
Erstbesteigung 23. Juni 1925
Das Team Zwei Mitglieder unserer Sektion und zwei Bergsteiger aus Bayern ...
Wann 17. Mai 2000 bis 17. Juni 2000
Wo Kluane Nationalpark im Südwesten des Yukon Territory Kanadas
Statistik Im Jahre 2000 waren 10 Expeditionen mit ca. 45 Teilnehmern am Mt.Logan unterwegs. Ungefähr die Hälfte erreichte den Gipfel. Darunter unser Team.

Unsere Expeditionsfahne

Der Mt. Logan

Der Mt. Logan ist mit 5959 m der zweithöchste Berg Nordamerikas (der Mt. McKinley ist ca. 200 m höher). Er liegt knapp nördlich des 60. Breitengrades in der Südwestecke des Yukon-Territory im Kluane Nationalpark. Hier sind die größten Eisfelder des Planeten außerhalb von Grönland und der Antarktis. Das Gebiet gilt als eines der wildesten Gebirgsregionen in der Welt. Am 23. Juni 1925 erreichten die Erstbesteiger den Hauptgipfel, 25 Jahre lang bis zum 17. Juni 1950 mußte der Mt. Logan dann warten, bis zum zweiten Mal Menschen den Fuß auf seine Gipfel setzten. Im Jahr 2000 waren nur 10 Expeditionen mit ca. 45 Teilnehmern unterwegs in der Saison, die von Mai bis Ende Juni geht. 3 Wochen sollten für den Berg eingeplant werden; der Normalweg durch den King's Trench ist technisch nicht allzu schwierig (Ski fast bis zum Gipfel), aber das - bedingt durch den Golf von Alaska - unsichere Wetter und ein 20 km langes Gipfelplateau über 5.100 m machen den Berg sehr abgelegen und ernst. Die Witterungsbedingungen können zwischen Temperaturen weit über dem Gefrierpunkt mit intensiver Sonneneinstrahlung und Stürmen mit Windgeschwindigkeiten von 160 km/h bei -40 Grad Celsius schwanken. Flug- und Funkverbindungen sind unsicher und jede Gruppe ist ganz auf sich allein gestellt.

Und dann im Dezember abends kam Stefan - unser Schatzmeister zu mir in die Apotheke, um noch einige Alpenvereinsinterna zu besprechen, bevor er sich zu einer vorweihnachtlichen Tiefschneewoche verabschiedete. Und als er schon wieder in der Tür stand, kam mir blitzartig die Idee: Ich kenne ihn noch nicht so lange, aber immerhin doch so gut - wir haben u.a. im Rahmen einer Sektionstour den südlichsten viertausender der Alpen bestiegen; daß ich ihn so ganz beiläufig im Hinausgehen fragte: Sag mal, hast Du Interesse am Mt. Logan? Stefan wußte nun überhaupt nicht, um was es sich handelte - woher auch - aber ich konnte ihn aufklären und er wollte es sich mal überlegen. "Und hast Du die Sache auch nicht verharmlost" war die erste Reaktion von Gerold, dem ich natürlich brühwarm alles erzählen mußte; nein, habe ich nicht und hast Du schon jemanden, der mitgeht? Ja, aber nur ganz vielleicht ein alter Kamerad, mit dem er in Nepal auf der Ama Dablan war.

Wer zu dieser Zeit schon wußte, daß es klappen würde, war meine Erika, denn mit dem untrüglichen Instinkt der "liebenden Ehefrau" sagte sie zu Karl B. "er geht zum Logan, er weiß es bloß noch nicht." Ich wußte es wirklich noch nicht, bis sich dann im Januar innerhalb von zwei Tagen alles wunderbar klärte. Stefan war über alles unterrichtet und wild entschlossen, Toni, der Freund von Gerold, konnte auch alles regeln, und ich bekam grünes Licht von meiner Arbeitsstätte, der Apotheke, ich durfte fahren!

Die Vorbereitungen für den Start Mitte Mai verliefen planmäßig, die Erlaubnis zur Besteigung, ausgestellt von der Nationalpark-Verwaltung, kam pünktlich und wir erhielten auch einige brauchbare Berichte über die Tour. Nun ist man ja einigermaßen sportlich, aber von nichts kommt nichts und so gingen Stefan & ich zusätzlich zweimal in der Woche ins Fitneß-Studio. Wir haben keine Hügel/Berge hier und dort gibt es ein Gerät, den Climber, der sehr gut einen Bergaufstieg simuliert. Allerdings setzt diese Maschine a) eine gehörige Portion Stumpfsinn oder aber - was Gott sei Dank bei uns der Fall war - b) eine gehörige Portion Motivation voraus. Man sieht auch kaum jemanden, an diesen Geräten arbeiten und man kann nur sagen "Augen zu und durch" und auch "Mit Musik geht alles besser". So waren wir denn heilfroh, als wir uns nach zwei Monaten vom Climber verabschieden konnten.

Auch alle Selbstzweifel, die doch hin und wieder auftraten, waren dann am 17. Mai 2000 wie weggeblasen, als wir in Düsseldorf mit Sekt und Musik verabschiedet wurden. Mit Sekt und Musik? Ja, denn wir nahmen am Jungfernflug

Das obligatorische Gruppenfoto am Airport
der LTU nach Alaska teil. An diesem Tag wurde die Direktflugstrecke nach Anchorage eröffnet. Die Crew hatte nur ca. 30 Gäste zu betreuen, nicht schlecht für uns alle, die wir einen Flug mit viel Platz genießen durften. Die Flughafenfeuerwehr taufte 8 1/2 Stunden später den Flieger mit ihren Wasserkanonen und schon wieder war ein roter Teppich ausgerollt und ein Buffet aufgebaut für die ersten Gäste. Alles entwickelte sich wunderbar, auch wenn wir nicht abergläubisch sind. Kurze Zeit später hatten wir unser Zimmer bei Margiet bezogen, einer gebürtigen Holländerin, die eine sehr gemütliche kleine Pension betreibt. Nach einem Spaziergang durch Anchorage, einer reizlosen Stadt in wunderschöner Lage, und anschließendem Mittagsschlaf waren wir dann bereit für Humpy's, der Kneipe in Anchorage, wo wir den Flug mit viel gutem Alaska-Amber beschlossen.

Den Donnerstag verbrachten wir damit, die letzten Einkäufe zu tätigen; die vorher bestellten, geliehenen Schlitten für den Materialtransport mußten abgeholt werden; einige Lebensmittel fehlten noch; gefriergetrocknete Mahlzeiten hatten wir zum Teil schon aus Deutschland mitgebracht. So war schließlich für 19 Tage für jeden von uns Proviant zusammen. Morgens Brot oder Bagels (amerikanische Brötchen, die kaum einfrieren und mit entsprechendem Belag auch immer gut eßbar sind), Wurst (Konfitüre) oder auch Müsli (Stefan), getrocknete Feigen (Gerold), Pulverkakao, Pulverkaffee, Pulver mit Orangen-, Pulver mit Zitronengeschmack, Teebeutel und ca. 3 kg Zucker; für tagsüber eine Tafel Schokolade und Müsliriegel und für abends eine warme Mahlzeit in Form von gefriergetrockneten Nudeln, Boef Stroganov - Huhn oder ähnlichem: Ca. 19 kg pro Nase.

Im Garten von Margiet konnten wir uns mit all dem Zeug dann richtig ausbreiten und schließlich war auch das geschafft. Ca. 200 kg an Schlitten, Rucksäcken, Packsäcken, Ski, Schneesägen, Schneeschaufeln, 60 Markierungsstangen aus Bambus, Zelten und Liegematten standen zum Abholen bereit und wir speisten fürstlich zum letzten Mal für ??? Tage im Brauhaus.

Wie verabredet wurden wir am nächsten Tag pünktlich um 9.30 Uhr vom Truck der Ultima Thule Lodge abgeholt.

Die Ulitma Thule Lodge

Als Truck werden hier alle Wagen bezeichnet, die bis zu 10 Personen und Mengen an Gepäck aufnehmen können; wie überhaupt die bequemen großen Nutzfahrzeuge überwiegen. "A Car can't be big enough" sagen die Alaskaner, ein Auto kann nicht groß genug sein und sie haben, zumindest hier in Alaska, recht.

Ultima Thule, so heißt die Lodge mitten in der Wildnis, unser Startpunkt für den Flug zum Basislager auf dem Quintino Sella Gletscher. Ultima Thule und der Boß, Paul Claus, sind in Alaska bekannt, die Lodge, weil sie mitten in der Wildnis an der Grenze zu Kanada liegt und nur mit dem Flugzeug zu erreichen ist und Paul Claus, der wohl berühmteste Gletscherpilot Alaskas, der, wie es im Outside-Magazin heißt, letztlich die Gesetze der Schwerkraft auch nicht ignorieren kann. Vater John Claus hatte sich vor vielen Jahren hier für Jagdgäste niedergelassen, derweil ist das Gebiet Nationalpark und für die weitere Erschließung tabu; für ihn ein Plus, denn viele Amerikaner meinen, einmal hierhin zu müssen; Wildnis liegt in Alaska vor der Haustür, aber die Lodge besitzt nun einmal den Ruf; mit 1.000 DM pro Tag (ja richtig tausend) ist man dabei. Da Vater und Sohn aber selbst aktive Bergsteiger waren bzw. sind, gibt es ein Paket für Expeditionen in diesen Teil der Welt. Für uns belief sich der Betrag auf ca. 1.300 DM pro Person, darin enthalten waren ca. 10 Stunden Autofahrt, 3 Tage Aufenthalt auf der Lodge mit Verpflegung und 4 Gletscherflüge sowie Erkundungsflüge w.g. Wetter. Und wenn man bedenkt, welch' gewaltiger Aufwand mit allem verbunden ist, ein vertretbarer Preis; aber der Reihe nach!

Wir luden also den Wagen bis oben voll und saßen zwischen Rucksäcken und Erdbeeren, die, wie ja überhaupt alles, auch zur Lodge transportiert werden müssen. Dann ging es mit 70 Meilen pro Stunde 5 Stunden lang auf guter Straße bis zum Ende der (befahrbaren) Welt, nach Chitina. Hier liegt der kleine Buschflugplatz mit einem Schuppen und einem Sprittank. Vater und Sohn waren schon da; Vater John mit der viersitzigen Chessna und Paul mit der alten Beaver, dem Urtyp des Buschflugzeuges, 9-Zylinder-Sternmotor, 270 PS, 6 Sitze, wenn sie denn gerade mal eingebaut sind, und Stauraum bis in die Schwanzspitze, ca. 40 Jahre alt. Aber keine Sorge, alle Flugzeuge in den USA unterliegen den strengen Sicherheitsbestimmungen der Flugbehörde.

Und dann ging es los. Gerold, Stefan und Toni flogen mit Paul in der Beaver, Vater Claus mit mir in der Chessna. Die Sicht war gut und der alte Herr zeigte mir sein Reich und erzählte, wie er hierhin gekommen war und - hast Du schon mal die Mountain Goates gesehen oder besser, möchtest Du welche sehen? Ja natürlich. Und so machten wir einen kleinen Schwenk nach links aus dem kilometerbreiten Flußarm hinaus an den Rand der Berge. Und da standen sie, sicher 30 der streng geschützten amerikanischen Bergziegen mit schneeweißem langen Fell, auf schmalen Felsvorsprüngen und in den steilsten Hängen. Diese friedlichen Tiere von der Größe eines Steinbockes, leben wie ihre europäischen Artgenossen, nur in steilem Gelände. Da sie ziemlich schutzlos sind, fallen viele der Jungtiere Adlern, Bären und Wölfen zum Opfer.

Nach ca. 45 Minuten landeten wir auf der Schotterpiste und rollten bis vor das Hauptgebäude, ein zweigeschossiges, großes Blockhaus. Die ganze Familie macht einen sehr sympathischen Eindruck. Pauls Mutter ist für den Haushalt zuständig, seine Frau regelt die geschäftlichen Dinge und hat gleichzeitig die staatliche Erlaubnis, die Kinder bis zum 12. Lebensjahr zu unterrichten. Mit mehreren Helfern lebt man hier einen Großteil des Jahres. Die Vorstellung einer Einsiedlerfamilie ist allerdings vollkommen falsch; das Flugzeug ist ein ganz normales Fortbewegungsmittel, das den Kontakt zur Außenwelt herstellt und in Europa, wo die Familie regelmäßig zu Besuchen hinfährt, möchten sie auf keinen Fall dauernd leben, sagt Donna, Pauls Frau, und denkt mit Schrecken an die Hektik, die Enge und das Rasen auf der deutschen Autobahn; da hat sie wohl recht!

Abends wird noch ein Ranger des Kluane-Nationalparks mit seiner Freundin eingeflogen. Jim, wie er heißt, ist schon über uns informiert. Die Beiden werden ihre Rangerkameraden im Basislager treffen und dann quasi amtlich versuchen, den Gipfel zu besteigen. Am Abend sitzen wir dann noch zusammen, lesen das Gästebuch, wo alle bekannten Hollywood-Namen zu finden sind. Paul gibt uns das Funkgerät, mit dem wir zu ihm Kontakt aufnehmen können, wenn er denn mit seinem Flugzeug in Sichtweite sein sollte: Der einzige Kontakt, den wir aufnehmen können, denn ein Satellitentelefon besitzen wir nicht.

Pünktlich um 6.00 Uhr morgens soll der Flug losgehen. Naturgemäß schlafen wir heute nicht so gut und stehen schon vorher startbereit. Aber das Wetter erlaubt es nicht, die Wolken hängen zu tief. So vertreiben wir uns die Zeit, indem wir bei den Schlittenhunden vorbeischauen. Ungefähr 20 gehören zur Familie, jeder hat eine Laufleine und eine kleine Hütte; und dann gibt es noch 3 ca. 4 m hohe Laufräder zum Trainieren im Sommer. Irgendwie sieht das Ganze lustig aus.

Vor meinen ungläubigen Augen setzt sich Paul in einen kleinen Flieger, der nur auf Kufen am Rande der Schotterpiste steht, startet den Motor, rutscht über den Kies und ist nach ca. 30 m in der Luft! Das ist wohl eine seiner Spezialitäten: Starten und Landen auf kleinstem Raum! Wie wir dann hören, fliegt er los, um das Wetter 70 km weiter östlich zu erkunden. Wir sollen uns nicht weit entfernen und startbereit sein.

Und dann, als wir nach ca. 1 Stunde den Motorenlärm hören, geht alles sehr schnell. Paul gibt die Befehle, die Chessna wird in Windeseile beladen, der Boß in seiner alten Fleecekombi startet schon den Motor, Gerold plus Toni und Jim plus Freundin zwängen sich komplett gletscher-, winter- und expeditionsmäßig angezogen, in den Flieger und schon entschwinden sie in den Lüften. Stefan und ich warten und hoffen, daß das Wetter hält, bis auch wir vor Ort sind. Es hat gehalten, ca. 2 Stunden später werden wir in rasender

Verabschiedung im Basislager

Eile eingeladen und schon sind auch wir in den Lüften. Zuerst geht es über das kilometerbreite Flußbett des Chitina-Rivers, dann überfliegen wir tiefzerrissene Schluchten, streifen, wie es uns scheint, einmal mit den Kufen fast den Boden und fliegen dann nur noch über Gletscher und an schneebedeckten Bergen vorbei. Ein unglaublich schöner und interessanter Flug. Das Wetter wird immer besser, irgendwann überqueren wir die kanadische Grenze und dann sehen wir in der Ferne das riesige Gletscherplateau des Logan-Massivs, ein Bild, das wir sicher nie wieder vergessen werden. Bei sonnigem ruhigen Wetter setzt Paul das Flugzeug auf die Schneekufen, zieht es brutal in eine Kurve, um gleich wieder die richtige Startposition zu haben, und dann stehen wir auf dem Quintino Sella-Gletscher in 2.700 m Höhe, wo uns schon Gerold und Toni erwarten.

Die 1. bayerisch-westfälische Mt. Logan Expedition ist komplett. Es ist Samstag, der 20. Mai 2000, 12.00 Uhr, sonnig, um 0 Grad Celsius. Das große Abenteuer kann beginnen!

Ja, das große Abenteuer kann beginnen; aber Abenteuer ist ja meist auch mit Arbeit verbunden und unsere Arbeit bestand nun darin, die Zelte mit Schneemauern zu umgeben bzw. einzugraben, um vor Sturm geschützt zu sein. Und nach dem obligatorischen Abschiedsfoto mit unserem Piloten verteilte dann Meister Toni auch gleich die Arbeit: Du sägst Schneeblöcke - was, wenn man erst einmal den Anfang hat, relativ leicht geht - Du planierst den Boden, Du machst die Toilette, - ein geschütztes, tief eingegrabenes oder mit hohen Mauern umgebenes Loch als Toilette ist ganz wichtig, - kann man sich vorstellen, daß es nicht gerade ein Vergnügen ist, bei heulendem Schneesturm und minus 20 Grad Celsius ungeschützt im Freien zu hocken, obwohl der Spruch "den A... abfrieren" nicht zutrifft; er bleibt komischerweise immer warm, auch wenn die Hände schon halb erstarrt sind.

Aber ernsthaft, ein geschützter Lagerplatz ist in dieser Gegend wirklich lebenswichtig. Und wenn man dann noch Sonne dazu hat, macht das Ganze sogar Spaß und man schneidet zusätzlich auch noch einen bequemen Küchenplatz aus dem Eis heraus. Wir hatten dazu auch Glück, daß wir in einen alten vorhandenen Platz einziehen konnten und diesen nur wieder richtig herrichten mußten, bis unser Handwerksmeister Toni zufrieden war.

Dann saßen wir in der Sonne, alleine auf einem grandiosen Gletscherplateau, am Fuße des Mt. Logan-Massivs - wenn das Wetter doch immer so bleiben würde!

Als ich zur vollen Stunde probeweise am KW-Radio spielte und wir im Deutschlandfunk gerade noch hören konnten, daß der 1. FC Bayern München den Meistertitel gewonnen hatte, da war das Glück vollkommen und Gerold und Toni standen vor dem (bayerischen) Teil unserer Fahne stramm! Das war übrigens das erste und zugleich letzte Mal, daß wir einigermaßen verständlichen Radioempfang hatten, egal auf welchem Frequenzband.

Sonntag, 21. Mai. 2.700 m sind so gerade die Schwellenhöhe, auf der sich der Körper erst akklimatisieren muß, wenn es für längere Zeit weiter bergauf gehen soll. So sah unser Plan auch vor, hier im Basislager zweimal zu übernachten und dazwischen unser Gepäck zum ersten Lager zu transportieren. Das Nützliche mit dem gesundheitlich Richtigen kombiniert; man schleppt nur einen Teil der Lasten nach oben und gewöhnt gleichzeitig den Körper an die größere Höhe.

So zogen wir gegen 11.00 Uhr los. Zwischenruf: Gegen 11.00 Uhr, so spät?! Frühmorgens geht man in die Berge! Wissen wir alle und Ihr macht Euch erst um 11.00 Uhr fertig, das kann ja nichts werden! Stimmt, aber wir sind in Alaska und nicht in Europa und in Alaska gibt es für solche Unternehmungen einige einfache Regeln: 1. Der Tag hat 24 Stunden und 22 Stunden davon sind hell, nur ca. 2 Stunden ist es dämmrig zu dieser Zeit, es ist also nie richtig dunkel. 2. Man steht auf, wenn die Sonne auf das Zelt scheint und es erwärmt. 3. Ein Blick aus dem Zelt heraus reicht oft schon aus, um gar nicht erst aufzustehen, sondern gemütlich im Schlafsack liegenzubleiben, da alles andere wg. Wetter selbstmörderischer Absicht gleichkäme. Und 4. noch unsere ganz persönliche Regel: Der Tag hat 24 Stunden und wir haben alle Zeit der Welt.

Tatsächlich wollte Toni uns auch am anderen Morgen um 6.00 Uhr zu seiner normalen Zeit aus dem Schlafsack treiben, aber er wurde von Gerold und mir wieder an diese einfachen Regeln erinnert und hat sie sich dann auch zu eigen gemacht.

Die Sicht war einigermaßen, die Route im Kings Trench (im Königsgraben) an sich durch das Gelände vorgegeben und wir setzten ja auch alle 100 m unsere Markierungsstangen (Wands), um bei schlechter Sicht den Weg wieder zurückzufinden. Zusätzlich speicherten wir die Route im GPS; diese Satellitentechnik liefert sehr zuverläßliche Ortsbestimmungen, wie wir später noch erfahren durften. Schätzungsweise 1km vor unserem angepeilten Lager nahm der Wind so an Stärke zu, daß wir ein Depot gruben und sicherheitshalber den Rückzug antraten.

18.15 Uhr waren wir wieder zurück, alle ziemlich kaputt und müde, haben gekocht, Rotweinpunsch aus Pulver getrunken und haben uns dann um 21.00 Uhr zum Schlafen gelegt.

Tagebuchaufzeichnung vom Montag: Morgens warm, 0 Grad Celsius, keine Sicht, Höhenmesser um 150 m gestiegen; den ganzen Tag nichts getan; abends Bratkartoffeln aus der Tüte; minus 15 Grad Celsius, Höhenmesser um 150 m gefallen.

Am Dienstag war das Wetter so la la, aber immerhin doch so gut, daß wir beschlossen, den Hüftgurt anzulegen, die Schlitten einzuklinken, das Lager aufzulösen und nach Camp I zu gehen; ca. 2 Stunden später verschlechterten sich die Bedingungen zusehends, unsere Bambusstöcke waren kaum noch zu sehen. Ich "durfte" das steilste Stück durch eine Spaltenzone spuren. Nach ca. 6 km erreichten wir aber Camp I auf 3.320 m, wo schon die Zelte die Ranger standen; hier gruben auch wir uns im Schneetreiben ein.

Den folgenden Ruhetag hatten wir uns wohl verdient; es war warmes Superwetter. In aller Ruhe konnten wir unseren Lagerplatz ausbauen und die 2 Tage vorher eingegrabenen Sachen nachholen. Stefan und ich stiegen abends noch bis auf 3.750 m, wo wir ein kleines Depot herrichteten, genossen die Mitternachtssonne und fuhren dann in direkter Linie ab zum Camp und in den Nebel, der sich hin und wieder lichtete und faszinierende Bilder abgab; über uns thronte der King Peak mit seiner imponierenden Eisspitze.

Dienstag: Carry zu Camp II 4.120 m, 5,6 km GPS; bis auf den ersten Hügel 350 m höher schön, dann ziemlicher Whiteout mit Schneefall bis zum Lager II; zu den vorhandenen Wands (Bambusstangen) die unseren gesetzt; 7 Stunden bis zum Lager, den Platz halb vorbereitet. Zurück wunderschöne Skiabfahrt, ca. 45 Minuten!! Bei guter Sicht und Sonne.
Carry (vom engl. to carry) bedeutet tragen. Hier finde ich es mal gut, daß das deutsche Wort durch ein englisches ersetzt wird; wir machen einen Carry klingt doch viel beschwingter als: wir schleppen das ganze Zeug höher!

Whiteout is ein gefürchteter Wetterzustand im hohen Norden; durch Nebel und/oder Schneesturm verschwinden alle Konturen vollständig und die Sicht reicht gerade mal bis zu den Skispitzen oder einige Meter weiter. Im Whiteout ist eine Orientierung ohne Hilfsmittel unmöglich.

Freitag: Lager verlegt zu Camp II am Kings Col. Gerold und Toni vorweg, Stefan und ich dreiviertel Stunde später um 11.45 Uhr; Wetter bis auf den ersten Hügel wieder schön, dann Whiteout ohne Schnee; von "Wand zu Wand" gehangelt, endlich da. Gerold&Toni schon am Schaufeln. Lager - Zeltaufbau viel zu lang gedauert. Einladung von Gerold und Toni zum Cappuccino! So liegen wir gemütlich verdreht zu viert in einem Zelt für zwei, der Kocher faucht, der Pulver-Cappuccino rinnt heiß die Kehle herunter, die hartgefrorene Schokolade knackt unter den Zähnen, wir erzählen und die Welt ist wieder in Ordnung.

Am Samstag war wieder Ruhetag, das Wetter diesig. Aber ein abwechslungsreicher Tag: Die Ranger verabschieden sich und verschwinden, wir sahen sie erst wieder, als sie vom Gipfel zurückkamen. Am Nachmittag wird das Wetter gut; wir sitzen warm in der Sonne und betrachten den vor uns liegenden ca. 40 Grad steilen Hangaufschwung; ca. 300 m höher geht das steile Gelände in eine Hochebene über, auf der wir Lager III errichten werden.

Lager III auf 4.750 m
Schwarze Pünktchen in der oberen gewaltigen Eisbruchzone verraten uns, daß eine Gruppe auf dem Rückmarsch ist; quälend langsam kommen sie voran, rasten lang am Beginn des steilsten Stückes, lassen mehrere Seesäcke einfach in der Fallinie heruntersausen und erreichen endlich nach einem kleinen Gegenanstieg das Lager. Der Hang scheint nicht so ohne zu sein, wie wir dann auch noch erfahren durften; nur Lawinengefahr ist wohl nicht vorhanden - Gott sei Dank!

Natürlich gratulieren wir den 8 Glücklichen, die den Mt. Logan bestiegen haben und erfahren, daß ein blinder Bergkamerad mit dabei ist! Nur wer eine solche Unternehmung einmal selber gemacht hat, kann sich vorstellen, wieviel Kameradschaftsgeist, Können, aber auch Glück für diese Leistung notwendig ist. Ihre Zelte vernetzen sie mit einem Seil, so daß der behinderte Kamerad im Lager auch allein zurechtkommt.

Am Samstag legt Gerold eine perfekte Spur durch den steilen Hang und wir bringen den ersten Teil der Ausrüstung durch den Eisbruch bis zum Lager III auf 4.750 m Höhe. Die Schlitten bleiben aufgrund der Steilheit des Geländes im Lager zurück. "Tempo ist angesagt" heißt es in Tonis Bericht, den ich jetzt übernehme:

Nach einem Materialtransport auf das 3. Hochlager fahren wir mit den Skiern ab: Schneetreiben bei minus 21 Grad. Wir orientieren uns an unseren Fähnchen und erreichen so wieder die Spaltenzone. Jetzt schnallen wir die Skie an den Rucksack und binden uns ins Seil. Ich gehe als erster, überquere zwei Spalten und betrachte den vor mir um 40 Grad abfallenden Firnhang Da reißt mich ein plötzlicher Ruck zu Boden. Als ich mich umblicke, schaue ich in das kreidebleiche Gesicht von Stefan, der vor Schreck wie versteinert zwischen zwei Spalten steht. Hinter ihm stemmt sich Rolf mit verzerrter Miene gegen den Seilzug und zieht, was das Zeug hält, nach hinten. Gerold ist offenbar "abgetaucht". Jetzt ist Tempo angesagt, bevor sich Stefan Gerold anschließen würde: Im nächsten Moment bin ich am Spaltenrand. Gerold hängt in drei Meter Tiefe am Seil oberhalb einer Schneebrücke und ist Gott sei Dank unverletzt. Ich lasse einen Karabiner mit einer Reepschnur zu ihm hinunter und ziehe seinen Rucksack und die Skier rauf. Dann hör' ich ihn fluchen: "Verdammt noch mal, ich komm' hier nicht hoch; ich versteh' das gar nicht." Mit Stefan, dem der Schreck noch anzusehen ist (es ist seine 1.Expedition), und Rolf wird Gerold nun mittels loser Rolle aus seinem "Versteck" geholt. Als Belohnung gibt es unten im 2. Hochlager an der Schneebar einen Schluck Whiskey.

Danach sind wir halb besoffen, salutieren an unserer Fahne, sind albern und fotografieren unsere Gesichter gegenseitig, und den Bildern sieht man an, daß es doch nicht ganz so lustig war. Später, als wir warm und gemütlich im Schlafsack liegen und uns von Zelt zu Zelt Gute Nacht wünschen, frage ich Gerold, meinen bayerischen Kinley-Kameraden noch, wie es ihm denn so geht. Und seine im reinsten Hochdeutsch zitierte Antwort "Ich muß mich erst einmal von dem Schock erholen" spricht für uns alle.

Montag: 2. Carry zu Lager III; am Eisbruch lösen sich meine Felle und müssen wg. Kälte mit Sprühkleber behandelt werden; Wetter wie immer : Whiteout; zurück durch die Spaltenzone äußerst vorsichtig und voll konzentriert.
Dienstag: Verlegung des Lagers nach Camp III; bis hier bestes Wetter. Aufbruch um 11.00 Uhr, Ankunft 14.30 Uhr; warm in der Sonne gesessen, abends minus 25 Grad Celsius; Fototermin mit den unter uns liegenden Bergen, die auf den endlos spiegelnden Eisfeldern zu schwimmen scheinen; ein Bild, das einzigartig ist und schon ein paar Tränen der Ergriffenheit erzeugen kann. Niemand außer uns ist hier, niemand könnte hier auf Dauer leben und wollte es auch wohl nicht. So genießen wir die Einsamkeit und die Stille, wohl wissend, daß uns hier auch niemand helfen könnte. Uns gegenüber, schon nicht mehr so gewaltig, der King Peak.
Mittwoch: Carry nach Camp IV auf 5.200 m Höhe; Weite, sanft ansteigende Schneehänge und gute Bedingungen mit passabler Sicht machen das Steigen angenehm. Unterwegs treffen wir Ruedi, einen Schweizer Bergführer, der seit 30 Jahren in Kanada lebt. Als Chef einer Gruppe von 7 will er mit zwei weiteren Führern den Logan erreichen; ihr Depot wollen sie unterhalb von unserem Lager IV anlegen. Toni möchte sich aktiv akklimatisieren und steigt allein fast bis zum Prospektor-Paß auf 5.500 m; zur Sicherheit bekommt er das Funkgerät mit, denn: "Wenn Du in 2 Stunden nicht wieder hier bist oder Dich nicht meldest, dann kommen wir mit der Kavallerie und hauen Dich raus." Wir anderen haben uns passiv akklimatisiert, sitzen gemütlich in der Sonne und halten dann alle nach schöner Abfahrt und grandiosem Blick auf die in der Sonne schimmernden Eisfelder und den King Peak einen erholsamen Nachmittagsschlaf; abends Einladung mit Cappuccino, Tee und Schokolade.

Und dann zeigt die Natur unsere Grenzen auf, denn in der Nacht zu Donnerstag klagt Gerold über Atembeschwerden; Anzeichen der Höhenkrankheit, nicht so dramatisch, daß wir sofort tiefer steigen müßten (300 m Höhenunterschied können über Tod und Leben entscheiden), aber doch so gravierend, daß wir die Hilfe unserer Apotheke in Anspruch nehmen; die Luft auf 5.200 m Höhe hier im hohen Norden ist doch dünner (genauer gesagt ist der Luftdruck geringer) als - physikalisch bedingt - auf Äquatorhöhe. Es heißt, daß im hohen Norden 6.000 m einer Höhe von 7.000 m im Himalaya entspricht.

Der Entschluß, das Lager nicht zu verlegen, ist nur konsequent, auch wenn es Gerold am Morgen schon wieder besser geht. So bewacht er das Funkgerät, während Toni, Stefan und ich bei schönem Wetter wieder zu Camp IV aufsteigen. Auch Toni fühlt sich nicht ganz hundertprozentig, der zusätzliche Trip am Tag vorher war doch wohl anstrengender als gedacht und das zeigt sich in der Höhe oft erst am folgenden Tag. Um 17.00 Uhr sind wir wieder alle vereint und nehmen zwecks Fototermin Aufstellung an unserer Fahne und laden uns gegenseitig zu Kaffee und Rotweinpunsch ein.

Freitag: Verlegung des Lagers nach Camp IV (5.200 m), sehr schönes Wetter, tagsüber warm, minus 8 Grad Celsius, abends minus 25 Grad.

Am Samstag beim Frühstück (im Schlafsack halb gekrümmt sitzend) schielt Stefan nicht zum ersten Mal auf mein - auf den Wassertopf aufgetautes - Brot, das ich gerade mit guter italienischer Wurst belege; und nicht zum ersten Mal kann ich diesem Blick nicht widerstehen und überlasse ihm - der tapfer sein Müsli würgt - etwas von meinen Köstlichkeiten. Es ist einfach so und alle, die solche Situation schon einmal erlebt haben, werden zustimmend mit den Köpfen nicken - bei Kaltwetterexpeditionen verlangt der Körper nach etwas Herzhaftem und das ansonsten leckere Müsli bleibt liegen. Ich kann mich noch gut an Olaf erinnern, der am Kinley von seinen 21 Portionen Müsli gerade mal 4 gegessen hat.

Zeitdruck auf Expeditionen ist eine Seuche, führt oft zu Mißerfolg und ist dazu noch gefährlich, da man sich zu unüberlegten Handlungen hinreißen läßt; so beschlossen wir, hier auf 5.200 m einen weiteren Ruhetag einzulegen, da Toni in der Nacht sehr schlecht geschlafen hatte. Nicht umsonst hat unsere Strategie, gepaart mit etwas Wetterglück, zum Erfolg geführt.

Stefan und ich fühlen uns gut und so steigen wir langsam die verharschten Hänge zum Prospektors-Paß auf 5.500 m Höhe auf; unterwegs kommt uns die Rangertruppe entgegen, sie haben ihr Ziel erreicht, Gratulation und gleichzeitig Verabschiedung! Der Prospektors-Paß ist sozusagen ein entscheidender Punkt auf dem Weg zum Mt. Logan. Von Camp IV auf 5.200 m muß man über ihn, 5.550 m, um auf der anderen Seite wieder bis auf ca. 5.300 m abzusteigen; ein Übergang ist nur bei einigermaßen gutem Wetter möglich; gleichzeitig ist es auf der anderen Seite des Passes erheblich kälter. Das bekommen wir zu spüren, wie durch eine Düse faucht der Wind gnadenlos über den Paß, es ist barbarisch kalt und ohne unsere Daunenbekleidung und Neopren-Überschuhe kämen wir sicher in große Schwierigkeiten. Schnell weg von hier heißt die Devise und so kehren wir bei passabler Sicht, von unseren Markierungsstangen geführt, zum Lager und zu den Kameraden zurück; abends scheint wieder die Sonne.

Über den Paß, zum Gipfel und zurück

Am nächsten Tag ist es dann soweit, eine weitere und letztlich entscheidende Phase unserer Tour beginnt.

Wir brechen das Lager ab; aus Gewichtsgründen nehmen wir nur ein Zelt mit und ansonsten für 5 Tage alles das, was man hier so zum (Über-)Leben braucht; mit ziemlich schwerem Rucksack kommen wir dem Prospektors-Paß über verharschte Hänge langsam näher, sind dann schließlich oben. Es ist kalt, aber relativ windstill. Die kleine Spitze des einst so gewaltigen King Peak tief unter uns, das St. Elias-Massiv liegt inmitten einer spiegelnden Eisfläche; da wo die Sicht aufhört, fängt der Pazifik an. Vor uns, auf der anderen Seite das endlos scheinende Plateau des Mt. Logan, an dessen Rand sich die verschiedenen Gipfel erheben. Kilometerweit entfernt bricht die Hochebene übergangslos ab und man schaut auf eine tieferliegende Wolkenschicht, unter der sich Kanada versteckt.

So kräfteraubend wie der Aufstieg ist auch die Abfahrt 300 m tiefer. Auf vereisten Platten geht es hinab, alle 50 bis 100 m versucht man, am schrägen Hang eine stabile Position einzunehmen, so daß ein Kamerad sich seitwärts nähern kann, eine Markierungsstange aus dem Rucksack zieht und diese setzt. Kommt man ins Rutschen und sitzt auf dem Po, so ist es bei diesem Gepäck nur mit Gewalt und vielen Flüchen möglich, überhaupt wieder aufzustehen. Den Rucksack ablegen, aufstehen und ihn dann wieder aufwuchten, ist nichts besser. So sind wir auch ziemlich k.o., als wir unterhalb des Passes unser letztes Lager bauen. Besonders das Schneeblocksägen ist so anstrengend, daß wir uns alle Augenblicke abwechseln müssen. Aber gerade hier ist ein geschütztes Lager besonders wichtig, liegen wir doch als einziger kleiner, ungeschützter, lebender Punkt inmitten einer gigantischen Eiswüste. Aber auch das haben wir geschafft, und als wir dann in die Schlafsäcke kriechen, verzaubert die Abendsonne die ganze Umgebung mit ihren Farben. Wie wird es morgen sein? Nachts wache ich auf, ich liege seitwärts hochkant geschoben von Gerold und Stefan mit angepreßten Armen und drücke meinerseits den armen Toni an die Zeltwand; eine Situation, an die wir jetzt immer noch mit Vergnügen zurückdenken. Draußen stürmt es, das Thermometer zeigt minus 30 Grad.

Am Morgen ist es bewölkt, aber das Schneeschmelzen für mindestens 6 Liter Flüssigkeit dauert sowieso. Damit Stefan sein Müsli überhaupt noch herunterkriegt, muß es mit Restbrot und mit im Schlafsack aufgetauter Restwurst und Restmarmelade gewürzt werden!

Und dann reißen die Wolken plötzlich auf und wir sind unterwegs, wir sehen den Ostgipfel, 5.900 m und den Westgipfel, der den Hauptgipfel verdeckt. Das GPS ist eingeschaltet und merkt sich Wegpunkte. Es ist fast windstill. Langsam aber beständig kommen wir voran; an der steilen Flanke zum West-Peak legen wir die Ski ab, rasten kurz und setzen die Steigeisen an, wobei Stefan schon etwas von "nicht ganz passend" murmelt. Anstelle der Skistöcke tritt nun der Pickel in Aktion. Gerold ist super drauf und geht voran - jeder von uns ist mit sich selbst beschäftigt, geht langsam und konzentriert; Stefan bleibt immer mal wieder stehen, um seine Steigeisen besser zu befestigen; der Wind hat etwas zugenommen, als wir den Grat erreichen, stehen wir aber auf einem recht geschützten Platz. Und dann sehen wir, daß Stefan ca. 100 m unter uns steht, versucht, die Steigeisen zu befestigen und schließlich mit nur einem Eisen (das andere hat er am Rucksack befestigt), dem Pickel und einem Skistock versucht, nach oben zu kommen.

Ich bin ziemlich sauer, ist mir doch klar - wie Stefan später bestätigt, daß er es zu Hause versäumt hat, die Bindung auch für die Neopren-Überschuhe entsprechend einzustellen. Unser gemeinsamer Gipfelgang ist in Gefahr! Aber für Toni steht fest: wir gehen zusammen, ich rufe Gerold zurück - der schon etwas weiter oben war, und er muß runter und ihm helfen. Gerold kommt zu uns zurück, steigt etwas tiefer, aber wir sehen nun, Stefan schafft es auch allein. Als er bei uns oben ist, hat er mit dieser Anstrengung schwer für das Versäumnis gebüßt! Nun zieht er die Handschuhe aus und paßt die Bindung mit unserer Hilfe korrekt an - mit warmen Händen, wie er versichert.

Am Gipfel des Mount Logan
Inzwischen sind die Wolken dichter geworden und auch höher gestiegen; wir entscheiden uns, den West-Peak anzugehen, der Hauptgipfel ist zwar im Aufstieg nicht viel weiter, aber der Rückzug bei schlechtem Wetter gefährlicher. Über den nicht enden wollenden Firngrad geht es nun weiter, dann taucht der Gipfel auf, ein letztes Teilstück auf Frontalzacken und nach 17 Tagen, am 5. Juni um 15.45 Uhr, bei ca. 20 Grad minus hissen wir unsere Fahne!

Die erste bayerisch-westfälische Mt. Logan-Expedition 2000 ist am Ziel.

Gedanken - wird jeder Bergsteiger oft gefragt - welche Gedanken hat man, wenn man am lang ersehnten und erkämpften Gipfel steht?

Die Aussicht vom höchsten Punkt? Vielleicht, aber eine wunderbare Sicht auf alles hat man auch schon vorher gehabt. Und manchmal ist der Blick unterhalb interessanter als der Blick von oben, wo alles etwas abgeplattet erscheint.

Stolz und Freude es geschafft zu haben! Sicher hat man die, aber ich glaube, Stolz und Freude verspürt man eher später, wenn wirklich alles vorbei ist.

Ein grenzenloses Glücksgefühl! Mag sein, ich jedenfalls hatte in solchen doch nicht alltäglichen Situationen eher ein Gefühl der Dankbarkeit, für alles, pauschal gesagt.

Doch Schluß mit der Gefühlsduselei, denn, laß uns schnell abhauen, die Wolken werden immer dichter und das Wetter schlechter, mahnt Gerold. Und als wir Stunden später wieder am Zelt stehen, kann ich mir gar nicht vorstellen, daß wir diese ganze Strecke am Morgen hinaufgestiegen sind. Und erst hier, um 7.00 Uhr abends fällt uns auf, daß wir uns oben auf dem Gipfel auch gar nicht die Hände geschüttelt und gratuliert haben. Das können wir nun in Ruhe nachholen; der letzte Schluck Whiskey macht uns wieder mal betrunken und wieder mal stehen wir vor unserer Fahne stramm und jetzt hat man auch ein tolles Gefühl im Bauch, etwas abgeschwächt durch die Frage, ob und wie wir am anderen Tag über den Paß kommen werden. Aber auch dann - das Glück des Tüchtigen möchte man fast sagen. So steigen wir am anderen Tag bei gutem Wetter zum Paß auf. Oben erwartet uns ein überwältigender Blick auf die andere Seite. Vor und unter uns ein Wolkenmeer, nur die Spitze des King Peak liegt wie eine Insel in dieser Unendlichkeit; hier oben scheint die Sonne, es ist warm und windstill. Die Stunde der Fotografen!

Da ja jedes Lager auch ein kleines Depot geworden ist, dürfen wir ab Camp IV zusätzlich zu den schweren Rucksäcken noch mit einem Packsack an der Leine hinabfahren, denn alles, leere Spritkanister, Müll usw. soll wieder heruntergebracht werden. Man muß es einfach mal selber ausprobieren, wie es ist, wenn man von einem mitrutschenden Packsack überholt wird und wie er immer wieder versucht, seinen "Herrn" umzureißen. Als wir bei Lager III in die Wolken eintauchen und aufgrund mangelnder Sicht nur das laute Fluchen von Gerold hören, versichert er uns glaubwürdig, daß der Sack ihm derart von hinten in die Beine gerollt ist, daß er einen Salto geschlagen hat.

So braucht jeder beim Aufstehen die Hilfe des anderen und abends erreichen wir Lager II, wo wir noch einmal die Nacht verbringen. Unsere Essensvorräte sind praktisch aufgebraucht; ein kleines Depot im Lager liefert etwas Wurst, noch vorhandenes Müsli wird dankend abgelehnt (von Stefan sowieso).

GPS-Technik bringt uns am anderen Tag punktgenau zum Lager I (noch einmal können wir feststellen, wie im Whiteout jegliches Gefühl für die Richtung abhanden kommt) und dann schließlich sind wir im Base-Camp. 2 Reserve Tage zu früh, erst übermorgen soll uns Paul verabredungsgemäß ausfliegen. Wir haben es geschafft, sind aber selber auch etwas "geschafft", wie man wiederum den Bildern ansieht, die wir sofort bei der Ankunft im Lager machen.

Und die 2 Tage Warten auf Paul im Basis-Lager?

Zuerst trauerten wir etwas den fehlenden Tagen des Feierns in Anchorage nach; aber dann stellt sich schnell heraus, diese 2 Tage mit ihrer einmaligen Stimmung waren ein zusätzlicher noch einmal krönender Abschluß. Unser Lager allein mitten auf diesem riesigen Plateau des Quintino Sella-Gletschers, die innere Zufriedenheit über die vergangenen Tage, die vollkommene Ruhe; es war wie zwischen Zeit und Raum.

Zu unserer Überraschung kehrte dann die kanadische Expedition zurück. Ein Teil der Kameraden fühlte sich so schlecht, daß ihr Schweizer Führer die Tour abbrach. Abends in deren Kochzelt profitieren wir von den mitgebrachten Spezialitäten, denn wir hatten - bis auf etwas Müsli von Stefan - nichts mehr.

Und dann, am Samstag, dem 10.Juni 2000, 3 Wochen später, nachdem er uns abgesetzt hatte, landete Paul Claus heißersehnt und bang erwartet mit seiner guten alten Beaver.

Und als wir im Flieger sitzen und hinter uns das weiß glitzernde Eis des Mt. Logan verschwindet und vor uns das Grün der Berge leuchtet, da wissen wir, ein wunderbares, großes Abenteuer ist zu Ende gegangen.


Bericht von Rolf Henrichsen-Schrembs