Der Mt. Logan
Der Mt. Logan ist mit 5959 m der zweithöchste Berg Nordamerikas
(der Mt. McKinley ist ca. 200 m höher). Er liegt knapp nördlich
des 60. Breitengrades in der Südwestecke des Yukon-Territory im
Kluane Nationalpark. Hier sind die größten Eisfelder des Planeten
außerhalb von Grönland und der Antarktis. Das Gebiet gilt als
eines der wildesten Gebirgsregionen in der Welt. Am 23. Juni 1925
erreichten die Erstbesteiger den Hauptgipfel, 25 Jahre lang bis
zum 17. Juni 1950 mußte der Mt. Logan dann warten, bis zum zweiten
Mal Menschen den Fuß auf seine Gipfel setzten. Im Jahr 2000 waren
nur 10 Expeditionen mit ca. 45 Teilnehmern unterwegs in der Saison,
die von Mai bis Ende Juni geht. 3 Wochen sollten für den Berg
eingeplant werden; der Normalweg durch den King's Trench ist
technisch nicht allzu schwierig (Ski fast bis zum Gipfel), aber
das - bedingt durch den Golf von Alaska - unsichere Wetter und ein
20 km langes Gipfelplateau über 5.100 m machen den Berg sehr
abgelegen und ernst. Die Witterungsbedingungen können zwischen
Temperaturen weit über dem Gefrierpunkt mit intensiver
Sonneneinstrahlung und Stürmen mit Windgeschwindigkeiten von 160
km/h bei -40 Grad Celsius schwanken. Flug- und Funkverbindungen
sind unsicher und jede Gruppe ist ganz auf sich allein gestellt.
Und dann im Dezember abends kam Stefan - unser Schatzmeister zu
mir in die Apotheke, um noch einige Alpenvereinsinterna zu
besprechen, bevor er sich zu einer vorweihnachtlichen
Tiefschneewoche verabschiedete. Und als er schon wieder in der Tür
stand, kam mir blitzartig die Idee: Ich kenne ihn noch nicht so
lange, aber immerhin doch so gut - wir haben u.a. im Rahmen einer
Sektionstour den südlichsten viertausender der Alpen bestiegen;
daß ich ihn so ganz beiläufig im Hinausgehen fragte: Sag mal, hast
Du Interesse am Mt. Logan? Stefan wußte nun überhaupt nicht, um
was es sich handelte - woher auch - aber ich konnte ihn aufklären
und er wollte es sich mal überlegen. "Und hast Du die Sache auch
nicht verharmlost" war die erste Reaktion von Gerold, dem ich
natürlich brühwarm alles erzählen mußte; nein, habe ich nicht und
hast Du schon jemanden, der mitgeht? Ja, aber nur ganz vielleicht
ein alter Kamerad, mit dem er in Nepal auf der Ama Dablan war.
Wer zu dieser Zeit schon wußte, daß es klappen würde, war meine
Erika, denn mit dem untrüglichen Instinkt der "liebenden Ehefrau"
sagte sie zu Karl B. "er geht zum Logan, er weiß es bloß noch
nicht." Ich wußte es wirklich noch nicht, bis sich dann im Januar
innerhalb von zwei Tagen alles wunderbar klärte. Stefan war über
alles unterrichtet und wild entschlossen, Toni, der Freund von
Gerold, konnte auch alles regeln, und ich bekam grünes Licht von
meiner Arbeitsstätte, der Apotheke, ich durfte fahren!
Die Vorbereitungen für den Start Mitte Mai verliefen planmäßig,
die Erlaubnis zur Besteigung, ausgestellt von der
Nationalpark-Verwaltung, kam pünktlich und wir erhielten auch
einige brauchbare Berichte über die Tour. Nun ist man ja
einigermaßen sportlich, aber von nichts kommt nichts und so gingen
Stefan & ich zusätzlich zweimal in der Woche ins
Fitneß-Studio. Wir haben keine Hügel/Berge hier und dort gibt es
ein Gerät, den Climber, der sehr gut einen Bergaufstieg
simuliert. Allerdings setzt diese Maschine a) eine gehörige
Portion Stumpfsinn oder aber - was Gott sei Dank bei uns der Fall
war - b) eine gehörige Portion Motivation voraus. Man sieht auch
kaum jemanden, an diesen Geräten arbeiten und man kann nur sagen
"Augen zu und durch" und auch "Mit Musik geht alles besser". So
waren wir denn heilfroh, als wir uns nach zwei Monaten vom Climber
verabschieden konnten.
Auch alle Selbstzweifel, die doch hin und wieder auftraten,
waren dann am 17. Mai 2000 wie weggeblasen, als wir in Düsseldorf
mit Sekt und Musik verabschiedet wurden. Mit Sekt und Musik? Ja,
denn wir nahmen am Jungfernflug
Das obligatorische Gruppenfoto am Airport
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der LTU nach Alaska teil. An diesem Tag wurde die
Direktflugstrecke nach Anchorage eröffnet. Die Crew hatte nur
ca. 30 Gäste zu betreuen, nicht schlecht für uns alle, die wir
einen Flug mit viel Platz genießen durften. Die Flughafenfeuerwehr
taufte 8 1/2 Stunden später den Flieger mit ihren Wasserkanonen
und schon wieder war ein roter Teppich ausgerollt und ein Buffet
aufgebaut für die ersten Gäste. Alles entwickelte sich wunderbar,
auch wenn wir nicht abergläubisch sind. Kurze Zeit später hatten
wir unser Zimmer bei Margiet bezogen, einer gebürtigen Holländerin,
die eine sehr gemütliche kleine Pension betreibt. Nach einem
Spaziergang durch Anchorage, einer reizlosen Stadt in
wunderschöner Lage, und anschließendem Mittagsschlaf waren wir
dann bereit für Humpy's, der Kneipe in Anchorage, wo wir den Flug
mit viel gutem Alaska-Amber beschlossen.
Den Donnerstag verbrachten wir damit, die letzten Einkäufe zu
tätigen; die vorher bestellten, geliehenen Schlitten für den
Materialtransport mußten abgeholt werden; einige Lebensmittel
fehlten noch; gefriergetrocknete Mahlzeiten hatten wir zum Teil
schon aus Deutschland mitgebracht. So war schließlich für 19 Tage
für jeden von uns Proviant zusammen. Morgens Brot oder Bagels
(amerikanische Brötchen, die kaum einfrieren und mit
entsprechendem Belag auch immer gut eßbar sind), Wurst (Konfitüre)
oder auch Müsli (Stefan), getrocknete Feigen (Gerold),
Pulverkakao, Pulverkaffee, Pulver mit Orangen-, Pulver mit
Zitronengeschmack, Teebeutel und ca. 3 kg Zucker; für tagsüber
eine Tafel Schokolade und Müsliriegel und für abends eine warme
Mahlzeit in Form von gefriergetrockneten Nudeln, Boef Stroganov -
Huhn oder ähnlichem: Ca. 19 kg pro Nase.
Im Garten von Margiet konnten wir uns mit all dem Zeug dann
richtig ausbreiten und schließlich war auch das geschafft. Ca. 200
kg an Schlitten, Rucksäcken, Packsäcken, Ski, Schneesägen,
Schneeschaufeln, 60 Markierungsstangen aus Bambus, Zelten und
Liegematten standen zum Abholen bereit und wir speisten fürstlich
zum letzten Mal für ??? Tage im Brauhaus.
Wie verabredet wurden wir am nächsten Tag pünktlich um 9.30 Uhr
vom Truck der Ultima Thule Lodge abgeholt.
 Die Ulitma Thule Lodge
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Als Truck werden hier alle Wagen bezeichnet, die bis zu 10
Personen und Mengen an Gepäck aufnehmen können; wie überhaupt die
bequemen großen Nutzfahrzeuge überwiegen. "A Car can't be big
enough" sagen die Alaskaner, ein Auto kann nicht groß genug sein
und sie haben, zumindest hier in Alaska, recht.
Ultima Thule, so heißt die Lodge mitten in der Wildnis, unser
Startpunkt für den Flug zum Basislager auf dem Quintino Sella
Gletscher. Ultima Thule und der Boß, Paul Claus, sind in Alaska
bekannt, die Lodge, weil sie mitten in der Wildnis an der Grenze
zu Kanada liegt und nur mit dem Flugzeug zu erreichen ist und Paul
Claus, der wohl berühmteste Gletscherpilot Alaskas, der, wie es im
Outside-Magazin heißt, letztlich die Gesetze der Schwerkraft auch
nicht ignorieren kann. Vater John Claus hatte sich vor vielen
Jahren hier für Jagdgäste niedergelassen, derweil ist das Gebiet
Nationalpark und für die weitere Erschließung tabu; für ihn ein
Plus, denn viele Amerikaner meinen, einmal hierhin zu müssen;
Wildnis liegt in Alaska vor der Haustür, aber die Lodge besitzt
nun einmal den Ruf; mit 1.000 DM pro Tag (ja richtig tausend) ist
man dabei. Da Vater und Sohn aber selbst aktive Bergsteiger waren
bzw. sind, gibt es ein Paket für Expeditionen in diesen Teil der
Welt. Für uns belief sich der Betrag auf ca. 1.300 DM pro Person,
darin enthalten waren ca. 10 Stunden Autofahrt, 3 Tage Aufenthalt
auf der Lodge mit Verpflegung und 4 Gletscherflüge sowie
Erkundungsflüge w.g. Wetter. Und wenn man bedenkt, welch'
gewaltiger Aufwand mit allem verbunden ist, ein vertretbarer
Preis; aber der Reihe nach!
Wir luden also den Wagen bis oben voll und saßen zwischen
Rucksäcken und Erdbeeren, die, wie ja überhaupt alles, auch zur
Lodge transportiert werden müssen. Dann ging es mit 70 Meilen pro
Stunde 5 Stunden lang auf guter Straße bis zum Ende der
(befahrbaren) Welt, nach Chitina. Hier liegt der kleine
Buschflugplatz mit einem Schuppen und einem Sprittank. Vater und
Sohn waren schon da; Vater John mit der viersitzigen Chessna und
Paul mit der alten Beaver, dem Urtyp des Buschflugzeuges,
9-Zylinder-Sternmotor, 270 PS, 6 Sitze, wenn sie denn gerade mal
eingebaut sind, und Stauraum bis in die Schwanzspitze, ca. 40
Jahre alt. Aber keine Sorge, alle Flugzeuge in den USA unterliegen
den strengen Sicherheitsbestimmungen der Flugbehörde.
Und dann ging es los. Gerold, Stefan und Toni flogen mit Paul
in der Beaver, Vater Claus mit mir in der Chessna. Die Sicht war
gut und der alte Herr zeigte mir sein Reich und erzählte, wie er
hierhin gekommen war und - hast Du schon mal die Mountain Goates
gesehen oder besser, möchtest Du welche sehen? Ja natürlich. Und
so machten wir einen kleinen Schwenk nach links aus dem
kilometerbreiten Flußarm hinaus an den Rand der Berge. Und da
standen sie, sicher 30 der streng geschützten amerikanischen
Bergziegen mit schneeweißem langen Fell, auf schmalen
Felsvorsprüngen und in den steilsten Hängen. Diese friedlichen
Tiere von der Größe eines Steinbockes, leben wie ihre europäischen
Artgenossen, nur in steilem Gelände. Da sie ziemlich schutzlos
sind, fallen viele der Jungtiere Adlern, Bären und Wölfen zum
Opfer.
Nach ca. 45 Minuten landeten wir auf der Schotterpiste und
rollten bis vor das Hauptgebäude, ein zweigeschossiges, großes
Blockhaus. Die ganze Familie macht einen sehr sympathischen
Eindruck. Pauls Mutter ist für den Haushalt zuständig, seine Frau
regelt die geschäftlichen Dinge und hat gleichzeitig die
staatliche Erlaubnis, die Kinder bis zum 12. Lebensjahr zu
unterrichten. Mit mehreren Helfern lebt man hier einen Großteil
des Jahres. Die Vorstellung einer Einsiedlerfamilie ist allerdings
vollkommen falsch; das Flugzeug ist ein ganz normales
Fortbewegungsmittel, das den Kontakt zur Außenwelt herstellt und
in Europa, wo die Familie regelmäßig zu Besuchen hinfährt, möchten
sie auf keinen Fall dauernd leben, sagt Donna, Pauls Frau, und
denkt mit Schrecken an die Hektik, die Enge und das Rasen auf der
deutschen Autobahn; da hat sie wohl recht!
Abends wird noch ein Ranger des Kluane-Nationalparks mit seiner
Freundin eingeflogen. Jim, wie er heißt, ist schon über uns
informiert. Die Beiden werden ihre Rangerkameraden im Basislager
treffen und dann quasi amtlich versuchen, den Gipfel zu
besteigen. Am Abend sitzen wir dann noch zusammen, lesen das
Gästebuch, wo alle bekannten Hollywood-Namen zu finden sind. Paul
gibt uns das Funkgerät, mit dem wir zu ihm Kontakt aufnehmen
können, wenn er denn mit seinem Flugzeug in Sichtweite sein
sollte: Der einzige Kontakt, den wir aufnehmen können, denn ein
Satellitentelefon besitzen wir nicht.
Pünktlich um 6.00 Uhr morgens soll der Flug
losgehen. Naturgemäß schlafen wir heute nicht so gut und stehen
schon vorher startbereit. Aber das Wetter erlaubt es nicht, die
Wolken hängen zu tief. So vertreiben wir uns die Zeit, indem wir
bei den Schlittenhunden vorbeischauen. Ungefähr 20 gehören zur
Familie, jeder hat eine Laufleine und eine kleine Hütte; und dann
gibt es noch 3 ca. 4 m hohe Laufräder zum Trainieren im
Sommer. Irgendwie sieht das Ganze lustig aus.
Vor meinen ungläubigen Augen setzt sich Paul in einen kleinen
Flieger, der nur auf Kufen am Rande der Schotterpiste steht,
startet den Motor, rutscht über den Kies und ist nach ca. 30 m in
der Luft! Das ist wohl eine seiner Spezialitäten: Starten und
Landen auf kleinstem Raum! Wie wir dann hören, fliegt er los, um
das Wetter 70 km weiter östlich zu erkunden. Wir sollen uns nicht
weit entfernen und startbereit sein.
Und dann, als wir nach ca. 1 Stunde den Motorenlärm hören,
geht alles sehr schnell. Paul gibt die Befehle, die Chessna wird
in Windeseile beladen, der Boß in seiner alten Fleecekombi startet
schon den Motor, Gerold plus Toni und Jim plus Freundin zwängen
sich komplett gletscher-, winter- und expeditionsmäßig angezogen,
in den Flieger und schon entschwinden sie in den Lüften. Stefan
und ich warten und hoffen, daß das Wetter hält, bis auch wir vor
Ort sind. Es hat gehalten, ca. 2 Stunden später werden wir in
rasender
Verabschiedung im Basislager
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Eile eingeladen und schon sind auch wir in den Lüften. Zuerst geht
es über das kilometerbreite Flußbett des Chitina-Rivers, dann
überfliegen wir tiefzerrissene Schluchten, streifen, wie es uns
scheint, einmal mit den Kufen fast den Boden und fliegen dann nur
noch über Gletscher und an schneebedeckten Bergen vorbei. Ein
unglaublich schöner und interessanter Flug. Das Wetter wird immer
besser, irgendwann überqueren wir die kanadische Grenze und dann
sehen wir in der Ferne das riesige Gletscherplateau des
Logan-Massivs, ein Bild, das wir sicher nie wieder vergessen
werden. Bei sonnigem ruhigen Wetter setzt Paul das Flugzeug auf
die Schneekufen, zieht es brutal in eine Kurve, um gleich wieder
die richtige Startposition zu haben, und dann stehen wir auf dem
Quintino Sella-Gletscher in 2.700 m Höhe, wo uns schon Gerold und
Toni erwarten.
Die 1. bayerisch-westfälische Mt. Logan Expedition ist
komplett. Es ist Samstag, der 20. Mai 2000, 12.00 Uhr, sonnig, um
0 Grad Celsius. Das große Abenteuer kann beginnen!
Ja, das große Abenteuer kann beginnen; aber Abenteuer ist ja meist
auch mit Arbeit verbunden und unsere Arbeit bestand nun darin, die
Zelte mit Schneemauern zu umgeben bzw. einzugraben, um vor Sturm
geschützt zu sein. Und nach dem obligatorischen Abschiedsfoto mit
unserem Piloten verteilte dann Meister Toni auch gleich die
Arbeit: Du sägst Schneeblöcke - was, wenn man erst einmal den
Anfang hat, relativ leicht geht - Du planierst den Boden, Du
machst die Toilette, - ein geschütztes, tief eingegrabenes oder
mit hohen Mauern umgebenes Loch als Toilette ist ganz wichtig, -
kann man sich vorstellen, daß es nicht gerade ein Vergnügen ist,
bei heulendem Schneesturm und minus 20 Grad Celsius ungeschützt
im Freien zu hocken, obwohl der Spruch "den A... abfrieren" nicht
zutrifft; er bleibt komischerweise immer warm, auch wenn die Hände
schon halb erstarrt sind.
Aber ernsthaft, ein geschützter Lagerplatz ist in dieser Gegend
wirklich lebenswichtig. Und wenn man dann noch Sonne dazu hat,
macht das Ganze sogar Spaß und man schneidet zusätzlich auch noch
einen bequemen Küchenplatz aus dem Eis heraus. Wir hatten dazu
auch Glück, daß wir in einen alten vorhandenen Platz einziehen
konnten und diesen nur wieder richtig herrichten mußten, bis unser
Handwerksmeister Toni zufrieden war.
Dann saßen wir in der Sonne, alleine auf einem grandiosen
Gletscherplateau, am Fuße des Mt. Logan-Massivs - wenn das Wetter
doch immer so bleiben würde!
Als ich zur vollen Stunde probeweise am KW-Radio spielte und
wir im Deutschlandfunk gerade noch hören konnten, daß der 1. FC
Bayern München den Meistertitel gewonnen hatte, da war das Glück
vollkommen und Gerold und Toni standen vor dem (bayerischen) Teil
unserer Fahne stramm! Das war übrigens das erste und zugleich
letzte Mal, daß wir einigermaßen verständlichen Radioempfang
hatten, egal auf welchem Frequenzband.
Sonntag, 21. Mai. 2.700 m sind so gerade die Schwellenhöhe,
auf der sich der Körper erst akklimatisieren muß, wenn es für
längere Zeit weiter bergauf gehen soll. So sah unser Plan auch
vor, hier im Basislager zweimal zu übernachten und dazwischen
unser Gepäck zum ersten Lager zu transportieren. Das Nützliche mit
dem gesundheitlich Richtigen kombiniert; man schleppt nur einen
Teil der Lasten nach oben und gewöhnt gleichzeitig den Körper an
die größere Höhe.
So zogen wir gegen 11.00 Uhr los. Zwischenruf: Gegen 11.00
Uhr, so spät?! Frühmorgens geht man in die Berge! Wissen wir alle
und Ihr macht Euch erst um 11.00 Uhr fertig, das kann ja nichts
werden! Stimmt, aber wir sind in Alaska und nicht in Europa und in
Alaska gibt es für solche Unternehmungen einige einfache Regeln:
1. Der Tag hat 24 Stunden und 22 Stunden davon sind hell, nur
ca. 2 Stunden ist es dämmrig zu dieser Zeit, es ist also nie
richtig dunkel. 2. Man steht auf, wenn die Sonne auf das Zelt
scheint und es erwärmt. 3. Ein Blick aus dem Zelt heraus reicht
oft schon aus, um gar nicht erst aufzustehen, sondern gemütlich im
Schlafsack liegenzubleiben, da alles andere wg. Wetter
selbstmörderischer Absicht gleichkäme. Und 4. noch unsere ganz
persönliche Regel: Der Tag hat 24 Stunden und wir haben alle Zeit
der Welt.
Tatsächlich wollte Toni uns auch am anderen Morgen um 6.00 Uhr
zu seiner normalen Zeit aus dem Schlafsack treiben, aber er wurde
von Gerold und mir wieder an diese einfachen Regeln erinnert und
hat sie sich dann auch zu eigen gemacht.
Die Sicht war einigermaßen, die Route im Kings Trench (im
Königsgraben) an sich durch das Gelände vorgegeben und wir setzten
ja auch alle 100 m unsere Markierungsstangen (Wands), um bei
schlechter Sicht den Weg wieder zurückzufinden. Zusätzlich
speicherten wir die Route im GPS; diese Satellitentechnik liefert
sehr zuverläßliche Ortsbestimmungen, wie wir später noch erfahren
durften. Schätzungsweise 1km vor unserem angepeilten Lager nahm
der Wind so an Stärke zu, daß wir ein Depot gruben und
sicherheitshalber den Rückzug antraten.
18.15 Uhr waren wir wieder zurück, alle ziemlich kaputt und
müde, haben gekocht, Rotweinpunsch aus Pulver getrunken und haben
uns dann um 21.00 Uhr zum Schlafen gelegt.
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Tagebuchaufzeichnung vom Montag:
Morgens warm, 0 Grad Celsius, keine Sicht, Höhenmesser um
150 m gestiegen; den ganzen Tag nichts getan; abends
Bratkartoffeln aus der Tüte; minus 15 Grad Celsius,
Höhenmesser um 150 m gefallen.
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Am Dienstag war das Wetter so la la, aber immerhin doch so gut,
daß wir beschlossen, den Hüftgurt anzulegen, die Schlitten
einzuklinken, das Lager aufzulösen und nach Camp I zu gehen; ca. 2
Stunden später verschlechterten sich die Bedingungen zusehends,
unsere Bambusstöcke waren kaum noch zu sehen. Ich "durfte" das
steilste Stück durch eine Spaltenzone spuren. Nach ca. 6 km
erreichten wir aber Camp I auf 3.320 m, wo schon die Zelte die
Ranger standen; hier gruben auch wir uns im Schneetreiben ein.
Den folgenden Ruhetag hatten wir uns wohl verdient; es war
warmes Superwetter. In aller Ruhe konnten wir unseren Lagerplatz
ausbauen und die 2 Tage vorher eingegrabenen Sachen
nachholen. Stefan und ich stiegen abends noch bis auf 3.750 m, wo
wir ein kleines Depot herrichteten, genossen die Mitternachtssonne
und fuhren dann in direkter Linie ab zum Camp und in den Nebel,
der sich hin und wieder lichtete und faszinierende Bilder abgab;
über uns thronte der King Peak mit seiner imponierenden Eisspitze.
Dienstag:
Carry zu Camp II 4.120 m, 5,6 km GPS; bis auf den ersten
Hügel 350 m höher schön, dann ziemlicher Whiteout mit
Schneefall bis zum Lager II; zu den vorhandenen Wands
(Bambusstangen) die unseren gesetzt; 7 Stunden bis zum
Lager, den Platz halb vorbereitet. Zurück wunderschöne
Skiabfahrt, ca. 45 Minuten!! Bei guter Sicht und Sonne.
Carry (vom engl. to carry) bedeutet
tragen. Hier finde ich es mal gut, daß das deutsche Wort
durch ein englisches ersetzt wird; wir machen einen Carry
klingt doch viel beschwingter als: wir schleppen das ganze
Zeug höher!
Whiteout is ein gefürchteter Wetterzustand im
hohen Norden; durch Nebel und/oder Schneesturm
verschwinden alle Konturen vollständig und die Sicht
reicht gerade mal bis zu den Skispitzen oder einige Meter
weiter. Im Whiteout ist eine Orientierung ohne Hilfsmittel
unmöglich.
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Freitag:
Lager verlegt zu Camp II am Kings Col. Gerold und Toni
vorweg, Stefan und ich dreiviertel Stunde später um 11.45
Uhr; Wetter bis auf den ersten Hügel wieder schön, dann
Whiteout ohne Schnee; von "Wand zu Wand" gehangelt, endlich
da. Gerold&Toni schon am Schaufeln. Lager - Zeltaufbau viel
zu lang gedauert. Einladung von Gerold und Toni zum
Cappuccino! So liegen wir gemütlich verdreht zu viert in
einem Zelt für zwei, der Kocher faucht, der
Pulver-Cappuccino rinnt heiß die Kehle herunter, die
hartgefrorene Schokolade knackt unter den Zähnen, wir
erzählen und die Welt ist wieder in Ordnung.
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Am Samstag war wieder Ruhetag, das Wetter diesig. Aber ein
abwechslungsreicher Tag: Die Ranger verabschieden sich und
verschwinden, wir sahen sie erst wieder, als sie vom Gipfel
zurückkamen. Am Nachmittag wird das Wetter gut; wir sitzen warm in
der Sonne und betrachten den vor uns liegenden ca. 40 Grad steilen
Hangaufschwung; ca. 300 m höher geht das steile Gelände in eine
Hochebene über, auf der wir Lager III errichten werden.
Lager III auf 4.750 m
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Schwarze Pünktchen in der oberen gewaltigen Eisbruchzone verraten
uns, daß eine Gruppe auf dem Rückmarsch ist; quälend langsam
kommen sie voran, rasten lang am Beginn des steilsten Stückes,
lassen mehrere Seesäcke einfach in der Fallinie heruntersausen und
erreichen endlich nach einem kleinen Gegenanstieg das Lager. Der
Hang scheint nicht so ohne zu sein, wie wir dann auch noch
erfahren durften; nur Lawinengefahr ist wohl nicht vorhanden -
Gott sei Dank!
Natürlich gratulieren wir den 8 Glücklichen, die den Mt. Logan
bestiegen haben und erfahren, daß ein blinder Bergkamerad mit
dabei ist! Nur wer eine solche Unternehmung einmal selber gemacht
hat, kann sich vorstellen, wieviel Kameradschaftsgeist, Können,
aber auch Glück für diese Leistung notwendig ist. Ihre Zelte
vernetzen sie mit einem Seil, so daß der behinderte Kamerad im
Lager auch allein zurechtkommt.
Am Samstag legt Gerold eine perfekte Spur durch den steilen
Hang und wir bringen den ersten Teil der Ausrüstung durch den
Eisbruch bis zum Lager III auf 4.750 m Höhe. Die Schlitten bleiben
aufgrund der Steilheit des Geländes im Lager zurück. "Tempo ist
angesagt" heißt es in Tonis Bericht, den ich jetzt übernehme:
Nach einem Materialtransport auf das 3. Hochlager fahren wir
mit den Skiern ab: Schneetreiben bei minus 21 Grad. Wir
orientieren uns an unseren Fähnchen und erreichen so wieder die
Spaltenzone. Jetzt schnallen wir die Skie an den Rucksack und
binden uns ins Seil. Ich gehe als erster, überquere zwei Spalten
und betrachte den vor mir um 40 Grad abfallenden Firnhang Da reißt
mich ein plötzlicher Ruck zu Boden. Als ich mich umblicke, schaue
ich in das kreidebleiche Gesicht von Stefan, der vor Schreck wie
versteinert zwischen zwei Spalten steht. Hinter ihm stemmt sich
Rolf mit verzerrter Miene gegen den Seilzug und zieht, was das
Zeug hält, nach hinten. Gerold ist offenbar "abgetaucht". Jetzt
ist Tempo angesagt, bevor sich Stefan Gerold anschließen würde: Im
nächsten Moment bin ich am Spaltenrand. Gerold hängt in drei Meter
Tiefe am Seil oberhalb einer Schneebrücke und ist Gott sei Dank
unverletzt. Ich lasse einen Karabiner mit einer Reepschnur zu ihm
hinunter und ziehe seinen Rucksack und die Skier rauf. Dann hör'
ich ihn fluchen: "Verdammt noch mal, ich komm' hier nicht hoch;
ich versteh' das gar nicht." Mit Stefan, dem der Schreck noch
anzusehen ist (es ist seine 1.Expedition), und Rolf wird Gerold
nun mittels loser Rolle aus seinem "Versteck" geholt. Als
Belohnung gibt es unten im 2. Hochlager an der Schneebar einen
Schluck Whiskey.
Danach sind wir halb besoffen, salutieren an unserer Fahne,
sind albern und fotografieren unsere Gesichter gegenseitig, und
den Bildern sieht man an, daß es doch nicht ganz so lustig
war. Später, als wir warm und gemütlich im Schlafsack liegen und
uns von Zelt zu Zelt Gute Nacht wünschen, frage ich Gerold, meinen
bayerischen Kinley-Kameraden noch, wie es ihm denn so geht. Und
seine im reinsten Hochdeutsch zitierte Antwort "Ich muß mich erst
einmal von dem Schock erholen" spricht für uns alle.
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Montag:
2. Carry zu Lager III; am Eisbruch lösen sich meine Felle
und müssen wg. Kälte mit Sprühkleber behandelt werden;
Wetter wie immer : Whiteout; zurück durch die Spaltenzone
äußerst vorsichtig und voll konzentriert.
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Dienstag: Verlegung des Lagers
nach Camp III; bis hier bestes Wetter. Aufbruch um 11.00
Uhr, Ankunft 14.30 Uhr; warm in der Sonne gesessen, abends
minus 25 Grad Celsius; Fototermin mit den unter uns
liegenden Bergen, die auf den endlos spiegelnden Eisfeldern
zu schwimmen scheinen; ein Bild, das einzigartig ist und
schon ein paar Tränen der Ergriffenheit erzeugen
kann. Niemand außer uns ist hier, niemand könnte hier auf
Dauer leben und wollte es auch wohl nicht. So genießen wir
die Einsamkeit und die Stille, wohl wissend, daß uns hier
auch niemand helfen könnte. Uns gegenüber, schon nicht mehr
so gewaltig, der King Peak.
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Mittwoch: Carry nach Camp IV auf
5.200 m Höhe; Weite, sanft ansteigende Schneehänge und gute
Bedingungen mit passabler Sicht machen das Steigen
angenehm. Unterwegs treffen wir Ruedi, einen Schweizer
Bergführer, der seit 30 Jahren in Kanada lebt. Als Chef
einer Gruppe von 7 will er mit zwei weiteren Führern den
Logan erreichen; ihr Depot wollen sie unterhalb von unserem
Lager IV anlegen. Toni möchte sich aktiv akklimatisieren
und steigt allein fast bis zum Prospektor-Paß auf 5.500 m;
zur Sicherheit bekommt er das Funkgerät mit, denn: "Wenn Du
in 2 Stunden nicht wieder hier bist oder Dich nicht meldest,
dann kommen wir mit der Kavallerie und hauen Dich raus."
Wir anderen haben uns passiv akklimatisiert, sitzen
gemütlich in der Sonne und halten dann alle nach schöner
Abfahrt und grandiosem Blick auf die in der Sonne
schimmernden Eisfelder und den King Peak einen erholsamen
Nachmittagsschlaf; abends Einladung mit Cappuccino, Tee und
Schokolade.
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Und dann zeigt die Natur unsere Grenzen auf, denn in der Nacht
zu Donnerstag klagt Gerold über Atembeschwerden; Anzeichen der
Höhenkrankheit, nicht so dramatisch, daß wir sofort tiefer steigen
müßten (300 m Höhenunterschied können über Tod und Leben
entscheiden), aber doch so gravierend, daß wir die Hilfe unserer
Apotheke in Anspruch nehmen; die Luft auf 5.200 m Höhe hier im
hohen Norden ist doch dünner (genauer gesagt ist der Luftdruck
geringer) als - physikalisch bedingt - auf Äquatorhöhe. Es heißt,
daß im hohen Norden 6.000 m einer Höhe von 7.000 m im Himalaya
entspricht.
Der Entschluß, das Lager nicht zu verlegen, ist nur konsequent,
auch wenn es Gerold am Morgen schon wieder besser geht. So bewacht
er das Funkgerät, während Toni, Stefan und ich bei schönem Wetter
wieder zu Camp IV aufsteigen. Auch Toni fühlt sich nicht ganz
hundertprozentig, der zusätzliche Trip am Tag vorher war doch wohl
anstrengender als gedacht und das zeigt sich in der Höhe oft erst
am folgenden Tag. Um 17.00 Uhr sind wir wieder alle vereint und
nehmen zwecks Fototermin Aufstellung an unserer Fahne und laden
uns gegenseitig zu Kaffee und Rotweinpunsch ein.
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Freitag:
Verlegung des Lagers nach Camp IV (5.200 m), sehr schönes
Wetter, tagsüber warm, minus 8 Grad Celsius, abends minus 25
Grad.
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Am Samstag beim Frühstück (im Schlafsack halb gekrümmt sitzend)
schielt Stefan nicht zum ersten Mal auf mein - auf den Wassertopf
aufgetautes - Brot, das ich gerade mit guter italienischer Wurst
belege; und nicht zum ersten Mal kann ich diesem Blick nicht
widerstehen und überlasse ihm - der tapfer sein Müsli würgt -
etwas von meinen Köstlichkeiten. Es ist einfach so und alle, die
solche Situation schon einmal erlebt haben, werden zustimmend mit
den Köpfen nicken - bei Kaltwetterexpeditionen verlangt der Körper
nach etwas Herzhaftem und das ansonsten leckere Müsli bleibt
liegen. Ich kann mich noch gut an Olaf erinnern, der am Kinley von
seinen 21 Portionen Müsli gerade mal 4 gegessen hat.
Zeitdruck auf Expeditionen ist eine Seuche, führt oft zu
Mißerfolg und ist dazu noch gefährlich, da man sich zu
unüberlegten Handlungen hinreißen läßt; so beschlossen wir, hier
auf 5.200 m einen weiteren Ruhetag einzulegen, da Toni in der
Nacht sehr schlecht geschlafen hatte. Nicht umsonst hat unsere
Strategie, gepaart mit etwas Wetterglück, zum Erfolg geführt.
Stefan und ich fühlen uns gut und so steigen wir langsam die
verharschten Hänge zum Prospektors-Paß auf 5.500 m Höhe auf;
unterwegs kommt uns die Rangertruppe entgegen, sie haben ihr Ziel
erreicht, Gratulation und gleichzeitig Verabschiedung! Der
Prospektors-Paß ist sozusagen ein entscheidender Punkt auf dem
Weg zum Mt. Logan. Von Camp IV auf 5.200 m muß man über ihn, 5.550
m, um auf der anderen Seite wieder bis auf ca. 5.300 m
abzusteigen; ein Übergang ist nur bei einigermaßen gutem Wetter
möglich; gleichzeitig ist es auf der anderen Seite des Passes
erheblich kälter. Das bekommen wir zu spüren, wie durch eine Düse
faucht der Wind gnadenlos über den Paß, es ist barbarisch kalt und
ohne unsere Daunenbekleidung und Neopren-Überschuhe kämen wir
sicher in große Schwierigkeiten. Schnell weg von hier heißt die
Devise und so kehren wir bei passabler Sicht, von unseren
Markierungsstangen geführt, zum Lager und zu den Kameraden zurück;
abends scheint wieder die Sonne.
Über den Paß, zum Gipfel und zurück
Am nächsten Tag ist es dann soweit, eine weitere und letztlich
entscheidende Phase unserer Tour beginnt.
Wir brechen das Lager ab; aus Gewichtsgründen nehmen wir nur
ein Zelt mit und ansonsten für 5 Tage alles das, was man hier so
zum (Über-)Leben braucht; mit ziemlich schwerem Rucksack kommen
wir dem Prospektors-Paß über verharschte Hänge langsam näher,
sind dann schließlich oben. Es ist kalt, aber relativ
windstill. Die kleine Spitze des einst so gewaltigen King Peak
tief unter uns, das St. Elias-Massiv liegt inmitten einer
spiegelnden Eisfläche; da wo die Sicht aufhört, fängt der Pazifik
an. Vor uns, auf der anderen Seite das endlos scheinende Plateau
des Mt. Logan, an dessen Rand sich die verschiedenen Gipfel
erheben. Kilometerweit entfernt bricht die Hochebene übergangslos
ab und man schaut auf eine tieferliegende Wolkenschicht, unter der
sich Kanada versteckt.
So kräfteraubend wie der Aufstieg ist auch die Abfahrt 300 m
tiefer. Auf vereisten Platten geht es hinab, alle 50 bis 100 m
versucht man, am schrägen Hang eine stabile Position einzunehmen,
so daß ein Kamerad sich seitwärts nähern kann, eine
Markierungsstange aus dem Rucksack zieht und diese setzt. Kommt
man ins Rutschen und sitzt auf dem Po, so ist es bei diesem Gepäck
nur mit Gewalt und vielen Flüchen möglich, überhaupt wieder
aufzustehen. Den Rucksack ablegen, aufstehen und ihn dann wieder
aufwuchten, ist nichts besser. So sind wir auch ziemlich k.o.,
als wir unterhalb des Passes unser letztes Lager bauen. Besonders
das Schneeblocksägen ist so anstrengend, daß wir uns alle
Augenblicke abwechseln müssen. Aber gerade hier ist ein
geschütztes Lager besonders wichtig, liegen wir doch als einziger
kleiner, ungeschützter, lebender Punkt inmitten einer
gigantischen Eiswüste. Aber auch das haben wir geschafft, und als
wir dann in die Schlafsäcke kriechen, verzaubert die Abendsonne
die ganze Umgebung mit ihren Farben. Wie wird es morgen sein?
Nachts wache ich auf, ich liege seitwärts hochkant geschoben von
Gerold und Stefan mit angepreßten Armen und drücke meinerseits den
armen Toni an die Zeltwand; eine Situation, an die wir jetzt immer
noch mit Vergnügen zurückdenken. Draußen stürmt es, das
Thermometer zeigt minus 30 Grad.
Am Morgen ist es bewölkt, aber das Schneeschmelzen für
mindestens 6 Liter Flüssigkeit dauert sowieso. Damit Stefan sein
Müsli überhaupt noch herunterkriegt, muß es mit Restbrot und mit
im Schlafsack aufgetauter Restwurst und Restmarmelade gewürzt
werden!
Und dann reißen die Wolken plötzlich auf und wir sind
unterwegs, wir sehen den Ostgipfel, 5.900 m und den Westgipfel,
der den Hauptgipfel verdeckt. Das GPS ist eingeschaltet und merkt
sich Wegpunkte. Es ist fast windstill. Langsam aber beständig
kommen wir voran; an der steilen Flanke zum West-Peak legen wir
die Ski ab, rasten kurz und setzen die Steigeisen an, wobei Stefan
schon etwas von "nicht ganz passend" murmelt. Anstelle der
Skistöcke tritt nun der Pickel in Aktion. Gerold ist super drauf
und geht voran - jeder von uns ist mit sich selbst beschäftigt,
geht langsam und konzentriert; Stefan bleibt immer mal wieder
stehen, um seine Steigeisen besser zu befestigen; der Wind hat
etwas zugenommen, als wir den Grat erreichen, stehen wir aber auf
einem recht geschützten Platz. Und dann sehen wir, daß Stefan
ca. 100 m unter uns steht, versucht, die Steigeisen zu befestigen
und schließlich mit nur einem Eisen (das andere hat er am Rucksack
befestigt), dem Pickel und einem Skistock versucht, nach oben zu
kommen.
Ich bin ziemlich sauer, ist mir doch klar - wie Stefan später
bestätigt, daß er es zu Hause versäumt hat, die Bindung auch für
die Neopren-Überschuhe entsprechend einzustellen. Unser
gemeinsamer Gipfelgang ist in Gefahr! Aber für Toni steht fest:
wir gehen zusammen, ich rufe Gerold zurück - der schon etwas
weiter oben war, und er muß runter und ihm helfen. Gerold kommt zu
uns zurück, steigt etwas tiefer, aber wir sehen nun, Stefan
schafft es auch allein. Als er bei uns oben ist, hat er mit dieser
Anstrengung schwer für das Versäumnis gebüßt! Nun zieht er die
Handschuhe aus und paßt die Bindung mit unserer Hilfe korrekt an -
mit warmen Händen, wie er versichert.
 Am Gipfel des
Mount Logan |
Inzwischen sind die Wolken dichter geworden und auch höher
gestiegen; wir entscheiden uns, den West-Peak anzugehen, der
Hauptgipfel ist zwar im Aufstieg nicht viel weiter, aber der
Rückzug bei schlechtem Wetter gefährlicher. Über den nicht enden
wollenden Firngrad geht es nun weiter, dann taucht der Gipfel auf,
ein letztes Teilstück auf Frontalzacken und nach 17 Tagen, am
5. Juni um 15.45 Uhr, bei ca. 20 Grad minus hissen wir unsere
Fahne!
Die erste bayerisch-westfälische Mt. Logan-Expedition 2000 ist am Ziel.
Gedanken - wird jeder Bergsteiger oft gefragt - welche Gedanken
hat man, wenn man am lang ersehnten und erkämpften Gipfel steht?
Die Aussicht vom höchsten Punkt? Vielleicht, aber eine
wunderbare Sicht auf alles hat man auch schon vorher gehabt. Und
manchmal ist der Blick unterhalb interessanter als der Blick von
oben, wo alles etwas abgeplattet erscheint.
Stolz und Freude es geschafft zu haben! Sicher hat man die,
aber ich glaube, Stolz und Freude verspürt man eher später, wenn
wirklich alles vorbei ist.
Ein grenzenloses Glücksgefühl! Mag sein, ich jedenfalls hatte
in solchen doch nicht alltäglichen Situationen eher ein Gefühl
der Dankbarkeit, für alles, pauschal gesagt.
Doch Schluß mit der Gefühlsduselei, denn, laß uns schnell
abhauen, die Wolken werden immer dichter und das Wetter
schlechter, mahnt Gerold. Und als wir Stunden später wieder am
Zelt stehen, kann ich mir gar nicht vorstellen, daß wir diese
ganze Strecke am Morgen hinaufgestiegen sind. Und erst hier, um
7.00 Uhr abends fällt uns auf, daß wir uns oben auf dem Gipfel
auch gar nicht die Hände geschüttelt und gratuliert haben. Das
können wir nun in Ruhe nachholen; der letzte Schluck Whiskey macht
uns wieder mal betrunken und wieder mal stehen wir vor unserer
Fahne stramm und jetzt hat man auch ein tolles Gefühl im Bauch,
etwas abgeschwächt durch die Frage, ob und wie wir am anderen Tag
über den Paß kommen werden. Aber auch dann - das Glück des
Tüchtigen möchte man fast sagen. So steigen wir am anderen Tag bei
gutem Wetter zum Paß auf. Oben erwartet uns ein überwältigender
Blick auf die andere Seite. Vor und unter uns ein Wolkenmeer, nur
die Spitze des King Peak liegt wie eine Insel in dieser
Unendlichkeit; hier oben scheint die Sonne, es ist warm und
windstill. Die Stunde der Fotografen!
Da ja jedes Lager auch ein kleines Depot geworden ist, dürfen
wir ab Camp IV zusätzlich zu den schweren Rucksäcken noch mit
einem Packsack an der Leine hinabfahren, denn alles, leere
Spritkanister, Müll usw. soll wieder heruntergebracht werden. Man
muß es einfach mal selber ausprobieren, wie es ist, wenn man von
einem mitrutschenden Packsack überholt wird und wie er immer
wieder versucht, seinen "Herrn" umzureißen. Als wir bei Lager III
in die Wolken eintauchen und aufgrund mangelnder Sicht nur das
laute Fluchen von Gerold hören, versichert er uns glaubwürdig, daß
der Sack ihm derart von hinten in die Beine gerollt ist, daß er
einen Salto geschlagen hat.
So braucht jeder beim Aufstehen die Hilfe des anderen und
abends erreichen wir Lager II, wo wir noch einmal die Nacht
verbringen. Unsere Essensvorräte sind praktisch aufgebraucht; ein
kleines Depot im Lager liefert etwas Wurst, noch vorhandenes Müsli
wird dankend abgelehnt (von Stefan sowieso).
GPS-Technik bringt uns am anderen Tag punktgenau zum Lager I
(noch einmal können wir feststellen, wie im Whiteout jegliches
Gefühl für die Richtung abhanden kommt) und dann schließlich sind
wir im Base-Camp. 2 Reserve Tage zu früh, erst übermorgen soll uns
Paul verabredungsgemäß ausfliegen. Wir haben es geschafft, sind
aber selber auch etwas "geschafft", wie man wiederum den Bildern
ansieht, die wir sofort bei der Ankunft im Lager machen.
Und die 2 Tage Warten auf Paul im Basis-Lager?
Zuerst trauerten wir etwas den fehlenden Tagen des Feierns in
Anchorage nach; aber dann stellt sich schnell heraus, diese 2 Tage
mit ihrer einmaligen Stimmung waren ein zusätzlicher noch einmal
krönender Abschluß. Unser Lager allein mitten auf diesem riesigen
Plateau des Quintino Sella-Gletschers, die innere Zufriedenheit
über die vergangenen Tage, die vollkommene Ruhe; es war wie
zwischen Zeit und Raum.
Zu unserer Überraschung kehrte dann die kanadische Expedition
zurück. Ein Teil der Kameraden fühlte sich so schlecht, daß ihr
Schweizer Führer die Tour abbrach. Abends in deren Kochzelt
profitieren wir von den mitgebrachten Spezialitäten, denn wir
hatten - bis auf etwas Müsli von Stefan - nichts mehr.
Und dann, am Samstag, dem 10.Juni 2000, 3 Wochen später,
nachdem er uns abgesetzt hatte, landete Paul Claus heißersehnt
und bang erwartet mit seiner guten alten Beaver.
Und als wir im Flieger sitzen und hinter uns das weiß
glitzernde Eis des Mt. Logan verschwindet und vor uns das Grün
der Berge leuchtet, da wissen wir, ein wunderbares, großes
Abenteuer ist zu Ende gegangen.
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